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Fragen und Antworten

Michael Scott stellt sich den Fragen zu seinem sechsbändigen Fantasy-Epos
"Die Geheimnisse des Nicholas Flamel"

Was hat Sie zu Die Geheimnisse des Nicholas Flamel inspiriert? Haben Sie schon lange mit dem Gedanken gespielt, eine Buchreihe für Jugendliche zu schreiben?

Michael Scott: Meine ersten Notizen für das Projekt, aus dem sich schließlich die Reihe Die Geheimnisse des Nicholas Flamel entwickelte, stammen vom Mai 1997. Erstaunlicherweise kann ich fast auf den Tag genau sagen, wann sich die Idee für Der unsterbliche Alchemyst verfestigte. Erstaunlich deshalb, weil ich - wie die meisten Autoren - nicht sagen kann, was mich auf die Idee gebracht hat. Es war Ende September 2000 in Paris, als ich rein zufällig in der engen Rue du Montmorency auf die Auberge Nicolas Flamel stieß - das Haus, in dem Nicholas Flamel einst lebte.

Im Rückblick ist es interessant zu sehen, wie viel von der ursprünglichen Idee noch übrig geblieben ist. Ich wollte einen Fantasy-Roman schreiben, der in der Gegenwart angesiedelt sein sollte, mit modernen Teenagern als Helden, Charakteren, die Computer und Handys nutzen und E-Mails und SMS-Botschaften versenden.

Dann beschloss ich, für die Geschichte doch lieber Helden und Bösewichte zu verwenden, die man aus der Vergangenheit, aus Mythen und Legenden kennt. Auf die Weise konnte ich Personen wie Nicholas Flamel und John Dee auftreten lassen, reale Persönlichkeiten, die ihre Zeit enorm geprägt haben. Alles, was ich in Der unsterbliche Alchemyst über sie schreibe, ist historisch verbürgt.

Alle Kreaturen, die die Geschichte sonst bevölkern, entstammen der Weltmythologie. Bei uns kennt man zwar in etwa die Sagen des antiken Griechenlands und Ägyptens, aber die anderen großen Legenden, wie zum Beispiel die der keltischen und nordischen Sagenwelt, sind weniger gut bekannt.

Meine ursprüngliche Idee wäre leichter zu realisieren gewesen - aber ich hätte auch nur halb so viel Spaß dabei gehabt!

Können Sie uns erzählen, wie Sie auf die Legende um Nicolas Flamel stießen?

Michael Scott: Auf die Romanfigur Flamel kam ich durch Doktor John Dee. Ich hatte zuvor ein paar Erzählungen geschrieben, in denen Dee als Nebenfigur vorkam, bevor ich schließlich zu dem Schluss kam, dass er ein eigenes Buch wert wäre.

Ich war schon immer fasziniert von der Epoche, in der Elizabeth I. gelebt hat. Es war eine Zeit außergewöhnlich rapiden Wandels. Neue Wissenschaften entstanden, neue Länder und Völker wurden entdeckt. Und in dieser außergewöhnlichen Zeit war Dee eine Ausnahmeerscheinung. Er war Mathematiker und Geograph, Astronom und Astrologe und außerdem Teil des Spionagenetzwerkes der Königin. Man vermutet, dass Shakespeare den Prospero in seinem Drama "Der Sturm" nach Dees Vorbild gestaltete.

Dee war ein Alchemist - ein Beruf, der auf einer merkwürdigen Mischung von Wissenschaft und Aberglaube fußte. Er besaß außerdem eine der größten Privatbibliotheken - und diese Bibliothek enthielt auch die Schriften eines der einflussreichsten Alchemisten des vorangegangenen Jahrhunderts: Nicholas Flamel.

Nicholas Flamel war einer der berühmtesten Alchemisten seiner Zeit. Er kam 1330 auf die Welt und verdiente seinen Lebensunterhalt als Buchhändler. (An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich selbst 25 Jahre lang als Buchhändler gearbeitet habe, weshalb er mir besonders sympathisch war.) Eines Tages kaufte er ein Buch, jenes Buch nämlich, das in Der unsterbliche Alchemyst erwähnt wird: Abrahams Buch der Magie. Auch das hat tatsächlich existiert, und Nicholas Flamel hat uns eine detaillierte Beschreibung des kupfergebundenen Bandes hinterlassen. Das Buch selbst ging verloren, aber die Illustrationen des Textes existieren noch.

Unterstützt von seiner Frau Perenelle, versuchte Nicholas mehr als zwanzig Jahre lang, das Buch zu übersetzen. Damit muss er Erfolg gehabt haben. Er wurde außerordentlich reich und verwandte einen Teil seines Vermögens darauf, Hospitäler, Kirchen und Waisenhäuser bauen zu lassen. Vielleicht hatte er das Geheimnis des Steines der Weisen entdeckt: Wie man gewöhnliches Metall in Gold verwandelt.

Das größte Geheimnis, das sich um Nicholas Flamel rankt, ist, was nach seinem Tod geschah. Als Diebe sein Grab öffneten, weil sie dort Reichtümer vermuteten, war es leer. Waren Nicholas und Perenelle in geheimen Gräbern bestattet worden? Oder waren sie womöglich gar nicht gestorben? In den darauf folgenden Monaten und Jahren hat man die Flamels angeblich an verschiedenen Orten in Europa gesichtet. Hatte Nicholas auch das andere große Geheimnis der Alchemie entdeckt: das der Unsterblichkeit?

Welcher Schriftsteller könnte einer Geschichte widerstehen, in der es um magische Bücher, einen unsterblichen Magier und ein leeres Grab geht und - was noch viel aufregender ist - die dazu noch auf Fakten beruht?

Gehen Sie an ein Jugendbuch genauso heran, wie an Ihre Bücher für Erwachsene, oder gibt es Unterschiede bei der Recherche und dem eigentlichen Schreiben?

Michael Scott: Der erste Schritt, die Erstellung eines Plots, ist bei allen Büchern gleich. Ich plane die Romanhandlung so detailliert wie möglich, damit ich weiß, in welche Richtung die Geschichte geht. Auf diese Weise kann ich auch rechtzeitig vorher alles recherchieren, was ich später brauche. Ich war an allen Orten, die in der Buchreihe Die Geheimnisse des Nicholas Flamel erwähnt werden, und habe unzählige Fotos gemacht. Und wenn Sie finden, dass das ganz danach klingt, als hätte ich Recherchegründe vorgeschoben, um exotische Orte besuchen zu können, dann haben Sie Recht!

Sobald die Recherche einmal abgeschlossen ist, kann ich ohne Unterbrechung schreiben. Zumindest in der Theorie.

In der Praxis überraschen mich die Bücher immer wieder aufs Neue. Da bekommt eine Nebenfigur plötzlich mehr Gewicht oder eine Szene funktioniert einfach nicht so wie geplant.

Der Hauptunterschied, wenn man für Jugendliche schreibt, ist die Sprache. Man muss sich wesentlich präziser ausdrücken. Und dann ist es auch noch wichtig sich daran zu erinnern, dass junge Erwachsene manche "Kürzel" nicht entziffern können, weil man die erst mit zunehmendem Alter versteht. Das beste Beispiel, das mir dazu einfällt ist "Schweinebucht". Kinder und Erwachsene haben ganz unterschiedliche Vorstellungen, wenn Sie dieses Wort hören.

Junge Erwachsene sind außerdem ein wesentlich aufmerksameres Publikum. Sich den Fragen eines jungen Publikums zu stellen, kann ziemlich Furcht einflößend sein: es ähnelt eher einem Verhör, bei dem Handlungen, Charaktere, Szenen und Situationen zerpflückt werden.

Die Geheimnisse des Nicholas Flamel ist eine sechsteilige Buchreihe. Haben Sie schon einen Plot für jeden einzelnen Teil? Wissen Sie schon, um welches Abenteuer es in jedem Einzelband geht?

Michael Scott: Die Plots für die gesamte Reihe sind bereits im Detail ausgearbeitet. Das muss auch so sein. In einer Geschichte, die so komplex ist, verliert man sonst sehr leicht die Orientierung. Die Notizen für Band eins sind zum Beispiel umfangreicher als das eigentliche Buch.

Ich habe zuerst eine Zusammenfassung für die gesamte Buchreihe verfasst. Das ist der wichtigste Schritt, wenn man eine Geschichte entwickelt. So verschafft man sich auf wenigen Seiten einen Überblick. Aber das ist auch der schwierigste Schreibakt, denn es kann Wochen dauern, bis diese Zusammenfassung steht. Als zum Beispiel bei Nicholas Flamel feststand, dass die ganze Buchreihe aus sechs unterschiedlichen Teilen bestehen würde, wurde mir klar, dass ich auch sechs einzelne und sehr detaillierte Zusammenfassungen brauchen würde - eine für jeden Band.

So entsteht meine "Schablone". Die Hauptelemente sind damit quasi in Stein gemeißelt, aber innerhalb der Story gibt es immer noch Spielraum für Änderungen und Entwicklungen.

Aber - ja, ich weiß, wie Band 6 enden wird. Ich habe sogar schon den Epilog für diese spezielle Geschichte geschrieben.

Warum haben Sie beschlossen, dass es sich bei ihren beiden Figuren, Sophie und Josh Newman, um zweieiige Zwillinge handeln müsse?

Michael Scott: Da die Flamel-Reihe auf Elementen aus der Weltmythologie aufsetzt, mussten die Haupthelden unbedingt Zwillinge sein, ein Zwillingspaar, männlich und weiblich, denn in den Mythen fast jeden Volkes werden Zwillinge als etwas Besonderes betrachtet. Viele der Schöpfungsmythen handeln von Zwillingen, die nicht unbedingt das Böse und das Gute repräsentieren, aber Himmel und Erde, das Firmament und das Wasser. In der Mythologie Westafrikas zum Beispiel, verkörpern Zwillinge das Ideal, eine perfekte Verbindung des Menschlichen und Göttlichen.

Von der praktischen Seite aus gesehen, konnte ich so der Frage nachgehen, wie ein normaler Junge und ein normales Mädchen reagieren würden, wenn sie feststellen, dass sie über magische Fähigkeiten verfügen. Sie sind zusammen aufgewachsen, haben zusammen gelebt, gleichen sich und doch ändern sie sich in unterschiedlicher Weise, sobald sie mit dieser Erkenntnis konfrontiert werden.

Aber um die wirklichen Gründe dafür zu erfahren, müssen Sie bis zum Ende der Buchreihe warten. Dann nämlich wird sich alles von selbst erklären.

Was möchten Sie den jungen Lesern des Alchemyst mit auf den Weg geben?

Michael Scott: Ich wäre begeistert, wenn es Leute dazu ermutigen würde, sich mit einigen der erstaunlichen Geschichten auseinanderzusetzen, die es in der Weltmythologie gibt.

Die ersten Reaktionen auf den Alchemyst waren erstaunlich. Ich habe zahllose E-Mails von Lesern erhalten, die (wie Josh im Buch) im Internet Charaktere und Kreaturen überprüften und dabei feststellten, dass sie tatsächlich existiert haben. Auf diese Weise können Leser eine Hintergrundgeschichte zu jeder der Figuren entdecken, eine, die vor Jahrhunderten geschrieben wurde, lange bevor ich diese Figuren in den Geheimnissen des Nicholas Flamel auftreten ließ.



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